Feldman, Morton

US
1926
1987

Morton Feldman wurde in eine russisch-jüdische Familie aus Kiew geboren und wuchs in Brooklyn auf. Seinen ersten Musikunterricht bekam er im Alter von zwölf Jahren durch seine Klavierlehrerin Madame Maurina-Press. 1941 begann er, Komposition zu studieren; 1944 wurde er Schüler von Stefan Wolpe. 1971–1972 lebte Feldman für ein Jahr als Gast des Berliner Künstlerprogramm des DAAD in Berlin. 1973 erreichte ihn eine Anfrage der University of New York in Buffalo, die Edgard-Varèse-Professur zu übernehmen, bis dahin hatte er in der familieneigenen Schneiderei für Kinderbekleidung gearbeitet. Er unterrichtete für den Rest seines Lebens.

Am 26. Januar 1950 fand in der Pause eines Konzertes der New York Philharmonic die für die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts wohl ausschlaggebendste Begegnung zwischen Feldman und Cage statt. Durch die Begegnung und den Gedankenaustausch mit John Cage (die beiden wohnten eine Zeit lang im selben Haus) bekam Feldman mehr Vertrauen zu seinen eigenen Ideen und entwickelte seine ersten gültigen Kompositionen, die in der Abschrift John Cages bekannt wurden.

Zu Feldmans Freunden in New York zählten auch die Komponisten Christian Wolff und Earle Brown sowie die Maler Jackson Pollock, Mark Rothko, Philip Guston, Franz Kline und Robert Rauschenberg. In Anlehnung an die Bildenden Künstler wurde die eher lockere Gruppierung von Cage, Feldman, Brown und Wolff auch „New York School of Music“ genannt.

Morton Feldman war einer der Pioniere der graphischen Notation. Weil diese dem Interpreten jedoch zu viel Freiheiten ließ, verwarf er sie 1969 wieder und kehrte zur präzisen Notation zurück.

Eines seiner letzten Werke, Palais de Mari (1986), ist mit einer Dauer von zwanzig Minuten für eine späte Komposition ungewöhnlich kurz. Grund dafür war ein Auftrag von Bunita Marcus. Sie beauftragte ihn, ein Werk zu schreiben, das inhaltlich alle Elemente und Eigenschaften der langen Stücke in zusammengefasster Form einbringen sollte. Sie kannte seine Zeitvorstellung. Daher bat sie ihn um ein zehnminütiges Werk, ahnend, dass es wohl die doppelte Länge haben werde.

Neun einsätzige Kompositionen von Feldman dauern länger als eineinhalb Stunden.

Feldmans Musik gehört nicht dem Minimalismus an, obwohl seine Werke einen minimalistischen Eindruck hinterlassen. Feldman selbst arbeitete aber mit dem Fluss der Klänge, vor allem am Klavier durch das gedrückte Pedal erkennbar, mit der Zugehörigkeit der Klänge, aber nicht im konservativen Sinne, sondern durchaus mit Dissonanzen.

Feldmans Frühwerk enthält wichtige Anregungen zur Neuen Musik: in seinen kammermusikalischen „Projections 1–5“ (1950/51) wird zum wahrscheinlich ersten Mal die genaue Ausführung der graphisch notierten Partitur den Musikern überlassen. Ähnliche Ansätze finden sich auch in weiteren Werken Feldmans aus den 1950er-Jahren, sie sind wohl eine Antwort auf die Diskussionen, die er mit seinen zahlreichen New Yorker Malerfreunden geführt hat. Inwieweit er damit ähnliche Entwicklungen in Europa beeinflusst oder gar initiiert hat (etwa im Werk Stockhausens), ist umstritten. Ab den 70er Jahren kehrt Feldman mit dem Stück „The Viola In my Life I“ für immer zur präzisen Notation zurück.

Feldmans Oeuvre – insbesondere sein kammermusikalisches Spätwerk aus den 1980er-Jahren – wird gelegentlich zur US-amerikanischen Minimal Music gerechnet, da es mit (scheinbaren) Wiederholungen arbeitet. Aber eine Ähnlichkeit mit Werken von Terry Riley, Steve Reich oder Philip Glass, den Hauptvertretern dieser Richtung, ist nur ansatzweise zu erkennen: während diese Hauptvertreter des musikalischen Minimalismus sich ganz überwiegend in (zum Teil geradezu bewusst trivialen) tonalen Strukturen bewegen und eher interessiert sind an einer Art „musikalischem Fluss“, gilt Feldmans Interesse offenen, quasi funktionsfreien Klängen, die insbesondere in seinem Spätwerk in stetiger Abwandlung präsentiert werden, als wollte er dem Hörer Zeit geben, diese Klänge in einer Weise kontemplativ aufzunehmen, wie man ein Bild betrachten mag. Seine Affinität zu bildlicher Darstellung – auch als Inspiration zu seinen Kompositionen – hat Feldman oft betont, besonders bemerkenswert etwa bei seinem Chorwerk „Rothko Chapel“ (1971) oder seiner Orchester-Komposition „Coptic Light“ (1985). Auch die Muster und Techniken von anatolischen Teppichknüpfern beeinflussten ihn.

Über seine kammermusikalischen Werke mit zum Teil extremen Spieldauern (bis über vier Stunden) hinaus schrieb Feldman aber auch kompaktere Orchesterwerke, außer dem erwähnten „Coptic Light“ fünf Stücke für jeweils ein Soloinstrument (Violoncello, Violine, Klavier, Oboe, Flöte) und Orchester. Die Viola hat er besonders hervorgehoben – so gibt es einen vierteiligen Zyklus mit dem Namen The Viola in My Life I–IV, davon ist die Nr. IV mit Orchester; in dem bereits angesprochenen Rothko Chapel fungiert die Viola neben dem Chor als Soloinstrument.

Typisch für Feldmans Arbeit wurde früh die Reduktion des kompositorischen wie instrumentalen Materials. Feldmans Musik will nichts ausdrücken: Sie ist das Gegenteil der deutschen Romantik und vermeidet jede Empfindungsäußerung. Der sonst vorherrschende Gedanke einer musikalischen Entwicklung ist weitgehend außer Kraft gesetzt.

Die relative Einfachheit des Notenbilds täuscht über die komplexe innere Struktur meist hinweg. In anderen Fällen stattet Feldman eine im Prinzip einfache Melodielinie mit einem komplexen Notenbild aus, notiert eigentlich gleiche Töne in verschiedenen Instrumentalstimmen unterschiedlich, wohl um seine Interpreten zu sensibilisieren.

Entscheidend für die Wirkung von Feldmans Klangwelt ist die Dauer seiner Stücke und die geringe Veränderung ihrer melodischen, rhythmischen oder dynamischen Werte. So kommen seine Stücke nur selten über ein Mezzoforte hinaus, bewegen sich meist im Leisen genauso wie im ruhig fließenden Tempo.

Manchmal wurde und wird Feldmans Werk als „Meditationsmusik“ missverstanden. Jedenfalls lassen die Äußerungen des Komponisten in seinen Essays keinen anderen Schluss zu, als dass er diesem Prinzip des „l'art pour l'art“ verpflichtet war und es in vielleicht einzigartiger Weise – im Sinne eines quasi schopenhauerischen Nicht-Wollens – erreicht hat. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Musik des 20. Jahrhunderts, vielleicht der Musik überhaupt.

Die Musik Feldmans wurde zu seinen Lebzeiten für einige Filme benutzt. Für den Dokumentarfilm über den Vietnam-Krieg Time of the locust (Regie: Peter Gessner, 1966), komponierte er die Musik.

Mort ist ein Einpersonentheaterstück und wurde 2006 in New York City aufgeführt.

Die Filmkünstlerin Bady Minck drehte 2007 den achtminütigen Kurzfilm Schein Sein als visuelle Interpretation von Feldmans Komposition Madame Press died last week at ninety (1970). Dieser Film hatte seine internationale Premiere bei der Biennale in Venedig.

10 Minuten aus Feldmans Rothko Chapel wurden in Martin Scorseses Film Shutter Island (2010) benutzt.